Geografie unterrichten
in der Sekundarstufe I

Lehrplan, Kompetenzen, Schülervorstellungen,
Inklusion, Differenzierung & Sprachsensibilität

Thomas Schroffenegger
GeoGraSim — Plattform für Geografie-Simulationen
Auf Basis des österreichischen GW-Lehrplans 2023

1. September 2023

Der GW-Lehrplan ist neu — kompetenzorientiert & verbindlich

Bundesgesetzblatt II Nr. 1/2023 · Inkraft seit Schuljahr 2023/24

  • Erstmals Kompetenzraster mit verbindlichen Anforderungen pro Klasse
  • Wirtschaftliche Bildung erstmals namensgebend gleichberechtigt
  • 4 Basiskonzepte als roter Faden — Raum, Maßstab, System, Mensch-Umwelt

BMBWF, BGBl. II 1/2023 · Geographie und wirtschaftliche Bildung

Was bedeutet das für den Unterricht?

Vom „Wir lernen über Länder" hin zum „Wir bauen Verstehen von räumlichen Systemen" — das ist die Verschiebung des neuen Lehrplans.

Welche Kompetenzen stehen im Zentrum? Wie unterrichten wir sie? Und wie gehen wir mit den Schülervorstellungen um, die schon da sind?

  • 10 bis 14 Jahre — die Konzepte werden hier grundgelegt
  • Klimawandel, Migration, Globalisierung — drängende Themen, jede Stunde
  • Inklusion, Sprachsensibilität, Digitalität als Querschnittsanforderung

Überblick

Theorie & Lehrplan

  1. Grundlagen der Geografie-Didaktik
  2. Der GW-Lehrplan 2023 im Detail
  3. Schülervorstellungen & Conceptual Change
  4. Kompetenzorientierung

Praxis

  1. Inklusion, Differenzierung, Sprache
  2. Assessment & Feedback
  3. Internationaler Vergleich
  4. Herausforderungen & Ausblick

Basis: 135 peer-reviewed Quellen · GW-Lehrplan 2023 · DACH-Vergleich · IGU/GeoCapabilities

Kapitel 1 — Grundlagen

Was ist
Geografie-Didaktik?

Drei prägende Paradigmen

Powerful Knowledge

Geografie liefert Wissen, das Alltagsdenken übersteigt — Strukturwissen statt Faktenliste. Young, Lambert.

Basiskonzepte

Wenige Schlüsselideen strukturieren das gesamte Fach: Raum, Maßstab, System, Mensch-Umwelt. Im AT-Lehrplan 2023 verbindlich verankert.

Raumkonzepte

Vier Zugänge: Container · Beziehung · System · Konstrukt. Die Wahl prägt den ganzen Unterricht.

Vom Realienunterricht zur GW-Bildung

  • Bis 1962 — Erdkunde als beschreibende Länderkunde
  • 1962 — „Geografie und Wirtschaftskunde" als Doppelfach in der HS
  • 1985 — Lehrplan: regionalgeografisch, wirtschaftsorientiert
  • 2000 — Kompetenzorientierung beginnt
  • 2023 — Lehrplan-Neuverordnung: Kompetenzraster, Basiskonzepte, wirtschaftliche Bildung gleichberechtigt

Österreich ist in dieser Hinsicht didaktisch fortschrittlich — aber Stundenknappheit bleibt.

Kapitel 2 — Lehrplan

GW-Lehrplan 2023
im Detail

Das Kompetenzmodell — vier Bereiche

Fachwissen

Geografische Konzepte, räumliche Strukturen, ökonomische Zusammenhänge.

Erkenntnisgewinnung

Methodisches Arbeiten mit Geomedien, Daten, Karten, Modellen.

Kommunikation

Räumliche Sachverhalte fachsprachlich darstellen und argumentieren.

Bewertung & Handeln

Werteorientierte Beurteilung räumlicher Konflikte und Folgen.

Aufbau über vier Klassenstufen

1. Klasse — Leben und Wirtschaften (2 Wo.-Std.)

Grundkonzepte Raum, Maßstab, System; Wetter und Klima; Einführung in Karten.

2. Klasse — Nachhaltiges Leben und Wirtschaften (1 Wo.-Std.)

Ressourcen, Energie, Kreisläufe; Konsum, Lebensstile, Globalisierung in Ansätzen.

3. Klasse — Österreich (2 Wo.-Std.)

Verkehr, Logistik, Wirtschaft, Bevölkerung — eigenes Land in Detail.

4. Klasse — Globalisierte Welt (2 Wo.-Std.)

Klimawandel, Migration, Welthandel, internationale Verflechtung.

Vier Basiskonzepte als roter Faden

  1. Raum — was ist räumlich gemeint? Container, Beziehung, System, Konstrukt
  2. Maßstab — von lokal bis global · Wechsel der Maßstabsebene
  3. System — Elemente, Prozesse, Wechselwirkungen, Emergenz
  4. Mensch-Umwelt — Wechselwirkung, Verantwortung, Nachhaltigkeit

Diese Konzepte sind der eigentliche Lerngegenstand — die Inhalte sind Beispiele, an denen sie geübt werden.

Kapitel 3 — Vorstellungen

Schülervorstellungen
& Conceptual Change

Was Schüler:innen mitbringen

Kinder kommen nicht als leere Tafel in den Unterricht. Sie haben Alltagsvorstellungen — oft anschaulich, oft falsch — von Klima, Raum, Wirtschaft.

  • „Das Ozonloch ist die Erderwärmung." — Robust, weltweit verbreitet, hartnäckig.
  • „Tropisch = warm, nichts mehr." — Reduktion auf Temperatur statt Niederschlag und Vegetation.
  • „Geld kommt vom Staat." — Ökonomisches Alltagsmodell mit Lücken.
  • „Migration = Flucht." — Mediendominiertes Vorverständnis

Quelle: Reinfried 2015, Conrad 2020 u. v. a.

Conceptual Change im GW-Unterricht

Vorstellungen ändern sich nicht durch Wiederholung, sondern durch Konflikt mit Erfahrung.

Vier Schritte (Posner et al.)

  1. Unzufriedenheit mit der bisherigen Vorstellung erzeugen
  2. Verständlichkeit der neuen Vorstellung sichern
  3. Plausibilität — die neue Vorstellung muss erfahrungslogisch sinnvoll sein
  4. Fruchtbarkeit — sie erklärt Neues, nicht nur das Alte

Simulationen können genau das leisten — Vorhersage formulieren, Konflikt zur Erwartung erleben, neu denken.

Kapitel 4 — Kompetenzen

Kompetenz-
orientierung

Drei tragende Kompetenzen

Systemkompetenz

Erkennen, beschreiben, modellieren von Wechselwirkungen — Kernanliegen der Geografie.

Räumliche Orientierungskompetenz

Karten lesen, Maßstäbe wechseln, sich im Raum verorten — fachspezifischer als oft angenommen.

Argumentations- & Kommunikationskompetenz

Räumliche Sachverhalte mit Fachsprache darstellen, Positionen begründen, Konflikte bewerten.

Vom Inhalt zur Kompetenz

Früher

  • „Die Schüler:innen kennen die Hauptstadt von Norwegen."
  • Faktenwissen, abprüfbar, kurzlebig

Heute

  • „Die Schüler:innen können räumliche Strukturen Norwegens unter Bezug auf Klima und Wirtschaft erklären."
  • Anwendungswissen, übertragbar

Inhalte verschwinden nicht — sie werden Mittel zum Aufbau von Kompetenzen, nicht Selbstzweck.

Kapitel 5 — Inklusion

Inklusion, Differenzierung,
Sprachsensibilität

Inklusiver GW-Unterricht

Inklusion ist Querschnittsaufgabe, nicht Sonderfall einer einzelnen Stunde. Geografie eignet sich gut — räumliches Denken ist nicht an Lese- oder Rechenkompetenz gebunden.

  • Mehrere Zugänge — Karte, Modell, Bild, Erfahrung, Erzählung
  • Unterschiedliche Anforderungsniveaus bei gleicher Aufgabenklasse
  • Soziales Lernen — räumliche Konflikte als Anlass für Perspektivwechsel

Differenzierte Instruktion

Tomlinsons Modell unterscheidet drei Achsen — alle drei sind im GW-Unterricht praktikabel.

Inhalt

Verschiedene Quellen, Tiefen, Maßstabsebenen für dieselbe Frage.

Prozess

Manche Schüler:innen rechnen, andere kartieren, andere argumentieren — gleiches Ziel, andere Wege.

Produkt

Plakat, Karte, Vortrag, Simulation, Text — Wahl der Darstellungsform.

Simulationen sind hier besonders flexibel — gleiche Software, unterschiedliche Aufgabentiefe pro Lernendem.

Sprachsensibler Fachunterricht

GW-Unterricht ist Sprachunterricht — wer Fachsprache nicht lernt, lernt das Fach nicht. Besonders relevant für DaZ-Lernende.

Drei Schichten

  • Alltagssprache — Vorerfahrung, Zugang
  • Bildungssprache — Argumentation, Begründung
  • Fachsprache — präzise Begriffe, korrekte Konzepte

Methodische Hilfen: Wortspeicher, Satzbausteine, Scaffolding-Karten, Bild-Wort-Listen, Anwendungs- statt Definitionsorientierung.

Kapitel 6 — Assessment

Leistungsfeststellung
& Feedback

Formatives Assessment

Die wirkungsvollste Form von Leistungsbewertung ist die, die nicht am Ende kommt — sondern zwischendurch.

Kernidee

  • Lernen sichtbar machen — für Lernende und Lehrkraft
  • Korrektur in dem Moment, in dem sie noch wirken kann
  • Selbstreflexion als Teil der Lernarbeit

Hattie-Effektstärke: d ≈ 0,90 — eine der wirksamsten Interventionen überhaupt.

Assessment in Simulationsumgebungen

Digitale Lernumgebungen ermöglichen Beobachtungen, die im Buchunterricht unsichtbar bleiben.

  • Prozessdaten — wie lange, wie oft, in welcher Reihenfolge gearbeitet
  • Vorhersage vs. Ergebnis — direkter Zugang zu Schülervorstellungen
  • Reflexionsantworten — qualitatives Verstehen
  • Lehrkräfte-Dashboard — Übersicht über die ganze Klasse, Drilldown auf Einzelne

Wichtig: Datenschutz · Pseudonymisierung · Einwilligung der Erziehungsberechtigten.

Kapitel 7 — Vergleich

Internationale
Perspektive

Geografie im DACH-Raum

Österreich

„Geographie und wirtschaftliche Bildung" — Wirtschaft gleichberechtigt namensgebend, eigenes Profil.

Deutschland (16 Länder)

Erdkunde / Geographie / Gesellschaftswissenschaften — uneinheitlich; teils mit Geschichte/Politik fusioniert.

Schweiz (Lehrplan 21)

„Räume, Zeiten, Gesellschaften" — Geografie eingebettet in einen größeren Verbund.

Im Vergleich profiliert AT die wirtschaftliche Bildung am stärksten — eine Stärke, die international Beachtung findet.

GeoCapabilities & Powerful Knowledge

Internationale Bewegung um Lambert, Solem, Tani: Welche Befähigungen liefert Geografie für ein gelingendes Leben?

  • Räumliches Denken als kognitiver Werkzeugkasten
  • Verständnis komplexer Systeme — Klima, Migration, Wirtschaft
  • Werteorientierung — kritisch über Räume und ihre Nutzung urteilen
  • Bürgerschaftliche Handlungsfähigkeit — räumliche Konflikte begreifen, sich beteiligen

IGU Commission on Geography Education — internationale Plattform.

Kapitel 8 — Hürden

Herausforderungen
& Ausblick

Was den Alltag schwer macht

Stundenknappheit & Stofffülle

  • 1–2 Wo.-Std. — der ganze Lehrplan muss durchgenommen werden
  • Tendenz zur Oberflächlichkeit, Verlust von Tiefe

Lehrkräftebildung

  • Kompetenzorientierung muss explizit gelernt werden — Eigene Schulzeit war oft anders
  • Fortbildung zur Digitalität noch lückenhaft

Digitale Transformation & Inklusion

  • Geräteausstattung sehr ungleich, BYOD-Heterogenität
  • Inklusion als Querschnittsaufgabe ohne zusätzliche Ressourcen

Was wir besser machen können

Simulationen als Teil des Werkzeugkastens

Klima, Stadt, Wirtschaft, Logistik — manipulierbar im Unterricht statt nur erzählt.

Kollegiale Vorbereitung

Geteilte Stundenbilder, geteilte Aufgaben, gemeinsame Fortbildung.

Forschung-Praxis-Brücken

Universitäten, Pädagogische Hochschulen, Lehrkräfte gemeinsam — Begleitforschung statt Wissensgefälle.

Stundenmindeststandard

2 Wo.-Std. in allen vier Klassen wäre fachlich angemessen — politische Forderung.

5 Empfehlungen für die Praxis

  1. Basiskonzepte sichtbar machen — bei jeder Stunde explizit benennen, welches Konzept gerade geübt wird
  2. Schülervorstellungen aktiv abfragen — vor dem Lehrstoff, nicht erst danach
  3. Sprachsensibel planen — Wortspeicher, Satzbausteine, Bild-Wort-Brücken
  4. Differenzieren über Maßstabsebene — gleiche Aufgabe, andere Tiefe
  5. Formatives Feedback verankern — Lernen sichtbar machen, nicht erst am Ende prüfen

Die entscheidende Frage

ist nicht was wir unterrichten —

sondern wozu die Schüler:innen es brauchen.

Geografie liefert Werkzeuge zum Denken über Räume, Systeme, Mensch-Umwelt — eine Befähigung für das ganze Leben, nicht nur für die nächste Schularbeit.

Kernquellen

Vollständig unter quellen-geografie.html

BMBWF (2023). Lehrplan Geographie und wirtschaftliche Bildung. BGBl. II 1/2023.

Reinfried, S. (2015). Schülervorstellungen und Geographieunterricht. VS / Springer.

Lambert, D. & Solem, M. (2014). GeoCapabilities. Journal of Geography.

Young, M. (2013). Powerful knowledge. Curriculum Journal.

Tomlinson, C. A. (2014). The Differentiated Classroom.

Hattie, J. (2009/2023). Visible Learning.

Posner et al. (1982). Conceptual change. Science Education.

Danke.

Fragen & Diskussion

Artikel & Quellenverzeichnis: geografie-didaktik.html · quellen-geografie.html

Thomas Schroffenegger · GeoGraSim · Sekundarstufe I · 2026

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